Buddy Müller #folge14 #mythosmultitasking

A15 – kein Gate kenne ich besser. A15 am Frankfurter Flughafen ist mit mir schicksalhaft verknüpft. Wenn ich dort boarden muss, um nach München zurückzukommen, ist nicht die Frage, ob mein Flug Verspätung hat, sondern weshalb er Verspätung hat.

Dann sitze ich dort also und fülle die Wartezeit mit vielfältigen Aufgaben. Meist habe ich den bitteren Geschmack der Lufthansa-Plörre noch auf den Lippen, spüre die Vorfreude auf den Kaffee aus unserer Siebträgermaschine aufkommen, erledige letzte Mails und scheinbar wichtige Anrufe, alles zu gleicher Zeit. Multitasking par excellence.

Das ist dann oftmals der Moment, in dem mich die Bodenstewardess in die Wirklichkeit des Flugalltags zurückholt.

So auch neulich wieder.

Bistro statt Beschwerden

„Ausfall der Steuerungseinheiten“, nuschelte die Dame in blau-gelb hinter ihrem schützenden Counter, den Blick schuldbewusst gesenkt, das Deutsche wie das Englische gleichermaßen unverständlich, nur eines aufklärend: Wir würden erstmal nicht fliegen.

Sie schob Entschuldigungen nach.

Netter Versuch.

Reihum wurden Beschimpfungen laut. Forderungen nach Lynchjustiz. Viel abwegiger noch: heilige Schwüre, künftig nur noch mit der Deutschen Bahn zu fahren. Das waren die unerfahrenen Fluggäste, die Gelegenheitspassagiere. Die, die an A15 verharrten, um sich am Bodenpersonal abzureagieren.

Die Erfahrenen aber, Vielflieger wie ich, kehrten sofort A15 den Rücken und flitzten in das schräg gegenüberliegende Bistro, wo es immer etwas nach angekohltem Ciabatta roch.

Dort gab es Sitzplätze.

Und Steckdosen.

Und Pils.

Drei essenzielle Standortvorteile, wenn man längere Wartezeiten zu überbrücken hat.

Pflicht der Musensöhne

Ich weiß ja nicht, was ihr euch aus Alkohol macht“, tönte Brad MacCloud vom Clan der MacClouds ein wenig dumpf aus meiner Tasche, als ich mich auf einem Barhocker niederließ.

„Ich arbeite in einer Agentur, da ist eine wohlwollende Haltung gegenüber Alkohol eine Einstellungsvoraussetzung“, entgegnete ich meinem MacBook Air und klappte es vor mir auf. Mit Brad verband mich seit geraumer Zeit eine weitgehend erfolgreiche Arbeitssymbiose (s. #folge5 #monmacàmoi).

Die erste Pflicht der Musensöhne ist, dass man sich ans Bier gewöhne“, zitierte Brad.

„Du bist ein digitaler Dichter“, seufzte ich, „aber bitte nicht Busch. Bitte ein Bit.“

Die anderen Vielflieger um mich herum sahen mich verwundert an.

Gut, es mag seltsam anmuten, wenn ein erwachsener Mann sich mit seinem Rechner über Wilhelm-Busch-Zitate austauscht.

Dabei sprachen die Männer in dunklen Anzügen, die Krawatten gelockert, den Rücken durchgestreckt, also diese Männer um mich herum sprachen selbst unentwegt in ihre Handys und Kopfhörermikros. Über die erfolgreichen Verhandlungen, den abgeschlossenen Roll-out, den großartigen Pitch, die bahnbrechende Keynote. Währenddessen tippten sie in ihre Notebooks und schrieben in ihre Terminkalender. Das durchorchestrierte Multitasking unterbrachen sie nur, um an ihrem Pils zu nippen.

Mit dem sie mir zuprosteten. Was ich erwiderte.

Dem ersten Pils folgte ein zweites, „weil man auf einem Bein nicht gut steht.“ Ich konnte mir die gesellige Binse nicht verkneifen.

Statisch bestimmt bist du erst mit drei Beinen“, tönte mein direktes Gegenüber. Sicher ein Bauingenieur.

Deswegen bestellten wir ein drittes.

Und ein viertes. Multibeering, sozusagen.

„Statisch überbestimmt“, kommentierte der Ingenieur. Das wiederum unterscheide einen Stuhl von uns Männern, dozierte er. Ein Stuhl stünde stabil mit seinen vier Beinen. Wir Männer aber begönnen mit vier Pils zu wackeln.

Oder ihr fangt an zu laufen“, warnte mich Brad. „Bei kaltem Wetter läuft die Nase. Bei kaltem Bier passiert‘s der Blase.“

800 ml Füllvermögen

Ich wollte meinen reimenden Rechner in die Schranken weisen, doch ließ mir die Stewardess an A15 keine Zeit mehr. Mir nicht und auch nicht meiner geselligen Pils-Runde. Schon gar nicht, um einem späteren Bedürfnis vorzubeugen.

Zack, zack, kommandierte sie uns zurück auf die Poleposition am Gate, Verspätung aufholen und Platz sichern, um an Bord noch Rollkoffer und Notebooktasche im Overhead-Stauraum unterbringen zu können.

Dass sich was ganz anderes zu stauen begann, bemerkten wir alle zu spät.

Eine menschliche Blase fasst zwischen 800 und 1500 Milliliter, so viel war vom Biologie-Grundkurs hängengeblieben. Ab circa 500 Millilitern kann Harndrang einsetzen.

All jene, die mit mir auf die Erfolge des Tages im Bistro angestoßen hatten, begannen spätestens über Ansbach, nervös hin und her zu rutschen. Die freundlich lächelnden Flugbegleiter und noch vielmehr ihre dicht gepackten Trolleys wurden zu unüberwindlichen Hindernissen auf dem Weg zu den Toiletten.

Schweiß perlte uns von den Stirnen. Manche versuchten, sich in den Schlaf zu flüchten, manche lenkten sich mit Videos auf ihren Handys ab.

Besonders Verzweifelte lasen sogar das Lufthansa-Magazin. Manche versuchten auch, weiter produktiv zu sein und am Notebook zu arbeiten, während ihr Körper sich den immer stärker werdenden Bedürfnissen entgegenstemmte.

Multitasking am Limit.

Ich verfluchte alle Konstrukteure seit Lilienthal, die es versäumt hatten, Luftgefährte mit ausreichenden und erreichbaren Erleichterungsvorrichtungen zu ersinnen. Das hätte ja selbst ich besser hinbekommen, schließlich bin ich Senior Project Supervisor …

Blas dich nicht auf“, versetzte Brad, „sonst bringet dich zum Platzen schon ein kleiner Stich.“

„Niemals Nietzsche“, presste ich hervor. Es klang nach „Nnngggmmmlssnihgsche.“

Unmittelbar nach der Landung begann der Ansturm aufs Örtchen. Da wurden Schnallen geöffnet, Gürtel gelockert, noch sitzend in Sakkos und Mäntel geschlüpft, wobei Ellenbogen und Knie in Nachbarsmänner und Vorderfrauen gestoßen wurden.

Taktischer Nahkampf auf engstem Raum.

Der Landefinger war noch nicht richtig fest, die Tür noch nicht ganz geöffnet, da preschten der Ingenieur und all die anderen, die vorher noch prosteten, nach vorne, nach draußen, nahmen billigend in Kauf, dass die langsameren, orientierungslosen Gelegenheitsflieger unter die rahmengenähten Schuhe gerieten.

Vorwärts denkt der Sieger“, kommentierte Brad, „es falle neben ihm Feind oder Freund.“

„Lass Lessing lieber bleiben“, keuchte ich im Laufschritt.

Urinale zu Telefonzellen

Da eilten wir einst so fröhliche Zecher im Slalom über Laufbänder und volle Gehwege, zwischen Gepäckwägen, Schulklassen, Rentnerreisegruppen und Abfallcontainern hindurch, bis der Zieleinlauf in einer scharfen Kurve an Zeitungsständern vorbei zum ersehnten Ziel führte.

Unser kollektives Aufatmen wurde nur übertönt von einer Symphonie aus Klingeln, Summen, Zwitschern, Charts- und Filmmelodien, denn einem Handy (bzw. dem Anrufer) ist Ort oder Örtchen völlig egal.

Einmal mehr bewiesen wir echte Männer, dass wir multitaskingfähig sind.

Wir verwandelten Urinale in Telefonzellen.

Ich stellte mich zu meinen Geschlechtsgenossen und bewunderte, unter welch artistischen Höchstleistungen es ihnen gelang, gleichzeitig zu telefonieren, das Handy zwischen Fünf-Tage-Bart und Schulter geklemmt, mit einer Hand am Reißverschluss hantierend, mit der anderen die Aktentasche jonglierend und den Rollkoffer fixierend.

So schloss sich der Kreis, im Geben wie im Nehmen, im Bekommen wie im Loslassen. Alles ist ein wiederkehrender Fluss. Ungeachtet des Augenblicks begannen um mich herum wieder die Handygespräche über Verhandlungen, Roll-outs, Pitches, Keynotes – und über vieles andere, was definitiv, absolut und ohne Zweifel keinen Aufschub geduldet hätte.

„Immer wieder dieselbe Geschichte. Siege, Triumphe, Gottesgedichte“, kommentierte ich.

Nicht schlecht“, brummte Brad, „mit Fontane an der Fontäne.“

Da! – mein iPhone klingelte. Ich angelte aus schierem Reflex danach. Klemmte es zwischen Ohr und Schulter.

Neeeiiin“, versuchte mich Brad zu stoppen.

Zu spät.

„Halloho“, sagte ich – und erkannte meinen Fehler. „Ahhhh. Sie sind´s!“

Es war Lila Stiefelchen, unsere Praktikantin aus der Controlling-Abteilung.

„Hallo Chef“, sprudelte sie los, „wollte Sie informieren, dass die neue Lieferung des Rio-Grande-Kaffees angekommen ist … Hallooo? … Chef? … Cheeeeefff? … Wo. Sind. Sie?“

Ich rang um Worte. Die eben noch gefühlte Erleichterung war wie weggespült. Um mich herum schwoll das Plaudern und Plätschern zu einem einzigen Rauschen, als würden am Rio Grande sich sämtliche Staudämme gleichzeitig öffnen.

Hilflos ließ ich meinen Blick schweifen, über die Kacheln, die Keramik und die hygienisch blitzenden Armaturen. Ich suchte Halt, eine Ausrede oder einen Spalt zwischen den Fliesen, der sich öffnen sollte, bis er groß genug war, um mich voller Gnade zu verschlucken und nimmermehr zurückzugeben.

„Cheffff“, zischte Lila Stiefelchen scharf zwischen Ohr und Backe. „Männer sind definitiv nicht multitaskingfähig. Egal wo, egal wann.“

Dann legte sie auf.

Wie Rabelais einst riet“, sagte Brad MacCloud vom Clan der MacClouds, „bedenke in allem, was du tust, vorher Zeit und Ort.“

Ausnahmsweise gab ich meinem MacBook Air recht. Und im gleichen Atemzug noch gab ich ihm den Auftrag, mich künftig zu warnen, sollte ich das nächste Mal wieder an A15 stranden.

Wobei: Ein Pils geht doch immer.

Wie geht es Ihnen auf den letzten Metern zwischen Flugzeug und Feierabend? Multitasking auf dem Weg in die Freizeit? Schreiben Sie an Buddy Müller unter buddy.mueller@profilwerkstatt.de. Falls Sie ihn anrufen, nicht böse sein, wenn er um Worte ringt.

Alle bisherigen Folgen von „Buddy Müller“ finden Sie auf profilwerkstatt.de.

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