Buddy Müller #folge13 #keinervondenen

Man kennt mich dafür, dass ich mich hingebungsvoll dem Führungskräfte-Nachwuchs widme.

„Vor allem Lang und Länger können das bestätigen“, sagt Brad MacCloud vom Clan der MacCloud. Mein MacBook Air und ich verstehen uns – meistens. Aber immer, ohne dass es meine Umwelt mitbekommt.

Ich überhörte Brads Ironie. Lang und Länger, das sind unsere beiden neuen Volontäre. Der eine bleibt immer lang, der andere noch länger. Ich überfordere sie doch wirklich nicht, wenn ich die beiden nach ihrer Spätschicht morgendlich höflich bitte, mir erstmal einen Kaffee zu bringen.

„Kaffee!“, sage ich dann.

Meist schreckt Lang aus seinem Restschlaf hoch, deutet zu Länger hinüber und sagt: „Sein Job.“

Das Delegieren hat Lang im Blut (siehe auch #folge11 #zukunftderzunft).

Schon springt Länger auf und sprintet los, um mir einen Kaffee zu machen.

Damit ihn die Routine nicht tötet, rufe ich ihm nach: „Heute hätte ich gerne mal einen Don del‘ Oro, aber zweifach gemahlen.“

Tagelöhner, Tagessätze

Eine gänzlich andere Klasse an Nachwuchstalenten, zumindest halten sie sich wohl dafür, treffe ich jeden Morgen kurz vor Lang und Länger.

Mein Weg in die Agentur führt mich nämlich direkt vorbei an einem Glas-Beton-Stahl-Bau, der von einer Unternehmensberatung inmitten des ehemaligen Tagelöhnerviertels Haidhausen gesetzt wurde.

Das ist nicht so unpassend, wie es scheinen mag.

Denn Unternehmensberater arbeiten auch für einen Tagelohn, besser für Tagessätze, die es ihnen erlauben, die in Tagelöhnervierteln ansässigen armen Schlucker – auch Künstler genannt – durch den Erwerb diverser Exponate in die Lage zu versetzen, die rasant steigenden Mieten wenigstens noch für das kommende Quartal zu decken. Die Exponate (etwa zerklüftete Gussbronzekuben) stehen meist im Empfangsbereich.

Vor dem Empfangsbereich, draußen auf der Straße, stehen die Berater.

Handy, Kippe, Kaffee

Meist sind es mitleiderregende Geschöpfe. Junge, mitleiderregende Geschöpfe.

Die Anstrengungen der vergangenen Nächte stehen ihnen ins Gesicht geschrieben. Dabei kommen sie sicher auf acht Stunden Schlaf – in einer Arbeitswoche. Nacht für Nacht zementieren sie ihr Wissen in Präsentationen. 100, 200, 300 Seiten. Weil sie glauben, „viel hilft viel“. Auf jeder einzelnen Seite wie im Gesamtumfang.

Da stehen sie nun, in ihren weißen Hemden und blauen Anzugshosen und rauchen. Die weiblichen Exemplare tragen weiße Blusen, schwarze Röcke. Gerade noch klapperten ihre Tastaturen, jetzt klappern die Knochen vor Übermüdung in der Morgenluft.

Weiteres ist beiden Berater-Geschlechtern gemeinsam: Alle haben sie ihre Sakkos in den Büros gelassen. Alle haben ihre Handys dabei. Alle telefonieren. Alle rauchen. Alle tun alles gleichzeitig, als wäre das ein Beweis ihrer Multitaskingfähigkeiten.

Alle haben einen Grüßreflex.

Diesen Reflex löse ich aus, immer dann, wenn ich an ihnen vorbeigehe.

Ave Consultant, die Übernächtigten grüßen mich.

Mit einem respektvollen Nicken, einem lautlos gemurmelten „Guten Morgen“, mit einem anerkennenden Blick, als wäre ich einer von ihnen, ein Ranghöherer gar, auch wenn sie mich gar nicht kennen können. Vielleicht halten sie mich für einen der Partner aus den internationalen Standorten, Paris, London, Burgwedel – oder wie hieß das Dorf in Kasachstan?

Anfangs dachte ich, das dezente Grau, das inzwischen meine Schläfen umspielt, löse den Reflex aus. Oder mein bestimmter Blick. Aber das war´s nicht. Auch nicht mein forscher Schritt.

Im konsequenten Selbstversuch fand ich es heraus.

Filzkrawatte, guten Morgen!

Ein dunkles Sakko, Einstecktuch und Edel-Chino führten zum sofortigen Nicken. Tags darauf, Extreme Casual Friday, ein markenloses Polohemd und verwaschene Bluejeans, lösten zunächst Verwirrung aus. Erst als der Blick an meiner Tumi-Tasche und noch tiefer bei meinen Chelsea-Boots angekommen war, entschieden sie sich doch sicherheitshalber zum Morgengruß.

Dann, ich hatte mich für einen Kundenbesuch herausgeputzt, mittelblauer Anzug, dunkle Filzkrawatte, brauner Gürtel, braune Monks, wäre ich beinahe in eine offengehaltene Tür gerannt.

„Guten Morgen“, grüßte mich der bleiche Beraternachwuchs, der mir rund 60 Kilo Glas und Stahl zum Haupteingang aufgezogen hatte.

„Guten Morgen“, grüßte ich zurück, versicherte ihm mit einer Handbewegung, dass ich weitermusste. Ich war schon an ihm vorbei, da drehte ich mich – einer Eingebung folgend – zu ihm um.

„Wie geht es Ihrem Projekt?“, fragte ich.

Der übermüdete Jungberater kam jetzt ins Straucheln. Rauchen, Kaffeetrinken, auf dem Smartphone E-Mails checken, die schwere Tür aufhalten und antworten – das war zu viel. Er entschied sich, die Tür ins Schloss fallen zu lassen und eine Hand in die Hose zu stecken.

Die mit dem Handy.

Und der Zigarette.

Genauso schnell war sie wieder heraus. Die Kippe wurde ausgedrückt, das Smartphone erneut verstaut.

„Nur Dean Martin konnte gleichzeitig rauchen, trinken und singen“, kommentierte ich.

„Dean wer?“

„Lass mich raus!“, begann Brad in meiner Tasche zu quengeln, „ich will auch Berater schauen!“

„Dean Martin war der Prinzipal, der das Italien-Amerika-Geschäft aufgebaut hat“, log ich, „also, was macht Ihr Projekt?“

Für jemanden, der die ganze Nacht eine Monsterpräsentation geklopft hatte, war er erstaunlich frisch. Er haute die Gemeinplätze flink raus. Die Marketingabteilung bei einem Autozulieferer müsse von Grund auf erneuert werden, verkrustete Strukturen, Familienbetrieb, ein Mittelständler halt auf dem Sprung zur Internationalisierung, ich verstünde schon, was er meine, nicht wahr … Dann erst könne man mit neuen Marketingprogrammen Kurs auf den Weltmarkt nehmen.

Irgendwas mit Content

Ich verstand ihn. Natürlich. Ich erinnerte mich an die Beraterschar, die einem meiner früheren Chefs die Belegschaft wegsanieren wollte. „Zehn Prozent weniger sind immer drin“, das war der Standardsatz (von dem übrigens auch so mancher unserer Kunden leidgeprüft zu berichten wusste: #folge3 #1,3,7-Trimethyl-2,6-purindion).

„Zehn Prozent“, sagte ich zu dem übermüdeten Beraternachwuchs, „zehn Prozent weniger sind immer drin. Aber überraschen Sie mal Ihren Kunden: nicht zehn Prozent seiner Kollegen kürzen. Fangen Sie mal mit Ihren Tagessätzen an.“

„Bitte“, quengelte Brad, „ich will ihn sehen!“

Der Beraternachwuchs betrachtete mich teils verwundert, teils distanziert.

Was mich in Fahrt brachte: „Strengen Sie sich mal ein bisschen an. Setzen Sie auf bewährte Kräfte. Kürzen kann jeder.“

Sein Smartphone brummte. Verlegenheitsblick, dann: „Ich muss dann wieder …“

„Eins noch“, sagte ich, „Sie erwähnten ‚neue Marketingkonzepte‘? Irgendwas mit Inhalten?“

Er nickte zögerlich. Und versuchte, mir zu entkommen. Das Smartphone brummte zweimal.

„Sie wollen wirklich was mit Content machen?“, fragte ich ihn.

Er nickte, nun unter Dauerbrummen.

Ich trat zu ihm hin, blickte ihm lange in seine rotgeränderten Augen und legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Das tut mir leid. SIE tun mir leid.“

Und dann ließ ich ihn stehen.

Wissen, Können, Seele

„Ich hätte ihn so gerne gesehen“, beklagte sich Brad, „warum tut er dir leid?“

„Ach, Brad“, seufzte ich, „um eine Strategie zu entwickeln, braucht man eine Menge theoretisches Wissen.“ Um eine Strategie in die Tat umzusetzen, fuhr ich fort, brauche es Mut und Können, weswegen nur wenige sich dieser Herausforderung stellen.

„Wenn Du aber mit Inhalten arbeitest“, sagte ich, „da braucht es Seele.“

Brad schwieg.

Ich deutete dies als Anerkennung.

Heute keinen Don del‘ Oro

In der Agentur fand ich Lang und Länger vor – sie waren entweder gestern lang geblieben oder heute schon länger da. Sie sahen müde aus. Wie wild hackten sie auf ihre Notebooks ein; Lang erbat sich erhobener Hand Schweigen, brummte „geile Story, gleich fertig“, während Länger aufspringen und los eilen wollte.

„Guten Morgen, Herr Müller, ja das wird eine wirklich verdammt gute Geschichte, aber Zeit für einen Kaffee muss sein, wieder einen Don del‘ Oro, zweimal gemahlen?“

Ich legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Lassen Sie mal. Sie beide schreiben Ihre Geschichten fertig“, sagte ich, „um den Kaffee kümmere ich mich.“

„Seele …“, sagte Brad MacCloud nachdenklich in meiner Aktentasche, „jetzt habe ich es verstanden.“

Den Jungberater habe ich übrigens nie wieder gesehen. Seine Kollegen haben mich auch nie mehr gegrüßt.

Ich bin doch keiner von denen.

Immer mehr agenturverwandte Branchen wollen Content Marketing können. Haben auch Sie Erfahrungen mit Neueinsteigern gemacht? Berichten Sie gerne direkt an Buddy Müller unter buddy.mueller@profilwerkstatt.de.
Alle bisherigen Folgen von „Buddy Müller“ finden Sie auf profilwerkstatt.de.

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