Arbeit als sinnstiftend erleben

Seit 25 Jahren arbeiten Menschen in der Profilwerkstatt. Als Arbeitsplatz ist die Agentur Teil ihres Lebensraums. Eine Tatsache, der sich Gründer und Geschäftsführer Ralf Ansorge bewusst ist: Leben und Arbeit, das muss und soll kein Gegensatz sein, findet er. Warum ihn diese Sichtweise schon immer offen für neue Konzepte und Arbeitsformen gemacht hat und wie sie in der Profilwerkstatt mehr und mehr zur Realität werden, erklärt er im Interview.

Geschäftsführer und Gründer der Profilwerkstatt Ralf Ansorge

New Work ist in den letzten Jahren zum absoluten Megatrend geworden. Was hältst du davon?

Wir verbringen acht Stunden und manchmal mehr mit unserer Arbeit und das meistens immer noch an einem Ort, das ist ein Drittel des Tages. Es ist also absolut wichtig und meine Aufgabe als Geschäftsführer, ständig darüber nachzudenken, wie diese Zeit, die Arbeit und der Arbeitsplatz sinnvoll in das Gesamt-Leben von uns allen eingebunden werden kann. Das Thema New Work ist sehr wichtig und spannend. Was mich aber stört, ist, dass dabei oft der Fokus ausschließlich auf „Work“ gelegt wird. Das ist wie bei „Work-Life-Balance“ – warum sind Arbeit und Leben etwas Gegensätzliches? Wir müssen erreichen, dass Arbeit sinnstiftend erlebt wird und ganz selbstverständlich zum Leben dazu gehört, ohne dass das (selbst-)ausbeuterisch wird. Da sind wir in der Profilwerkstatt noch lange nicht. Aber das ist unser Weg.

Was zeichnet die Profilwerkstatt als Arbeitgeber aus? Welche Haltung vertritt sie?

Wir möchten, dass sich jeder bei uns wohlfühlt. Dass er sagt „WOW, hier will ich arbeiten“. Wir probieren viele Sachen aus. Das ging natürlich früher einfacher. Dass sich heute 75 Menschen als „Familie“ betrachten, ist nicht möglich. Aber das Streben danach bestimmt den Weg. Würden wir uns einfach damit abfinden, dass es nicht möglich ist, würden wir stehen bleiben. Als die Profilwerkstatt noch ein Journalistenbüro war, haben Martina (Martina Keller, Ehefrau und Mit-Geschäftsführerin, Anm. d. Red.) und ich uns in der Kinderbetreuung jede Woche abgewechselt, eine Woche Büro, eine Woche Baby. Das war vor 21 Jahren. Wir erzählen das immer mal wieder den jungen Eltern bei uns; nicht weil die Anekdote nett ist, sondern als Beispiel, dass es auch darauf ankommt, sich mal etwas anderes auszudenken und zu versuchen. Und dass es nichts gibt, was man nicht mal zumindest diskutieren kann, um Arbeit, Familie, Leben zusammen hinzubekommen. Letztes Jahr erfüllte sich eine Mitarbeiterin den Traum, ein Jahr durch Neuseeland und die Südsee zu reisen. Sie meinte, dafür kündigen zu müssen. Wir haben gefragt: warum denn kündigen? Und eine Lösung gefunden.

Warum ist es dir so wichtig, diese Haltung in der Agentur mit Leben zu füllen?

Weil ich mir das einfach auch selbst wünsche, so zu arbeiten-leben. Wenn ich den Gedanken, dass Arbeiten und Rest-Leben kein Widerspruch sind, einfach mal positiv annehme und nicht im ständigen „Kampfmodus“ zwischen Arbeit und Rest bin, kann ich die gesparte Kraft nutzen, um mir wunderbar viel zu überlegen, wie das alles positiv gestaltet werden kann. Die Haltung ist auch wichtig für die andere Seite der Medaille: Die Profilwerkstatt ist ein Wirtschaftsunternehmen. Gewinn ist Mittel und nicht Zweck, aber ohne Gewinn gibt es keinen Grundstock für das, was wir gestalten wollen, er ist die Basis für unsere Existenz. Wenn wir es schaffen, dass wir mindestens das meiste was wir tun als sinnstiftend und wertvoll empfinden, dann sind wir auch als Unternehmen richtig erfolgreich.

Wie hat sich das Arbeiten in der Profilwerkstatt in den letzten 25 Jahren verändert?

Wir nutzen schon immer, wann immer wir es uns leisten können, Technik, die uns ortsungebundener macht. Als man mit Modems Texte in Redaktionen übertragen konnte, waren wir dabei. Als wir einigermaßen per ISDN auf Server zugreifen konnten, haben wir per VPN Home-Office eingeführt. Wir haben vor rund zwei Jahren auf Office365 umgestellt, alle haben Laptops. Im Prinzip kann jeder bei uns arbeiten, wo er möchte.

„Wir machen die Regeln. Wir haben die Verantwortung über die Rahmenbedingungen, die bestimmen, wie sich Mitarbeiter wohl- und wertgeschätzt fühlen und ihren Weg gehen können.“
– Ralf Ansorge, Geschäftsführer -> Click to tweet

Die Profilwerkstatt war immer früh dabei, wenn es darum ging, neue Arbeitskonzepte umzusetzen. Welche Ziele wurden damit verfolgt?

So viele Freiheiten wie möglich haben, von zu Hause arbeiten, wenn das Kind krank ist – bei uns ist das von Anfang an selbstverständlich. Heute müssen wir uns dazu noch dem Thema „Betreuung der eigenen Eltern“ widmen. Niemand muss sich bei uns krankschreiben lassen, wenn er einen Notfall zu Hause hat, oder Urlaub nehmen, weil ein Handwerker kommt. Das galt immer inoffiziell, jetzt ist das offiziell. Nach etwa 20 Jahren haben wir in diesem Jahr die Zeiterfassung abgeschafft, es gilt Vertrauensarbeitszeit. Wir haben mindestens 15 unterschiedliche Teilzeitmodelle. Elternzeit ist bei uns kein Karriereknick. Wir sind eine inhabergeführte Agentur, wir machen die Regeln. Wir haben die Verantwortung über die Rahmenbedingungen, die bestimmen, wie sich Mitarbeiter wohl- und wertgeschätzt fühlen und ihren Weg gehen können. Das ist deshalb besonders wichtig, weil nicht die Geschäftsführung über den Unternehmenserfolg entscheidet, sondern die Mitarbeiter. Götz Werner, der Gründer von dm hat sinngemäß einmal gesagt: Wir sind erfolgreich nicht trotz, sondern wegen unserer Haltung. Die Profilwerkstatt ist auf dem gleichen Weg.

Wir sprechen bei Change Prozessen – dazu gehören auch veränderte Arbeitsstrukturen – immer davon, dass diese von oben vorgelebt werden müssen …

Natürlich muss die Geschäftsführung vorleben. Martina und ich arbeiten auch in diesem Jahr wieder einen Monat von Porto aus. Klar, es gibt Aufgaben-, Projekt- und Kundenvorgaben, die verhindern, dass nicht jeder so lange an einem anderen Ort arbeiten kann. Aber es geht auch um das Zeichen, sonst glaubt fast niemand, dass er es wirklich machen darf. In Darmstadt gibt es keine festen Büros für die Geschäftsführung, wir sitzen im Großraumbüro, dort wo gerade Platz ist. Vorleben funktioniert aber auch nicht immer: Wo wir in Sachen Arbeitskonzept keinen Erfolg hatten, ist bei den flexiblen Arbeitsplätzen – also täglich freie Platzwahl und Teams, die sich temporär an einem Tischblock zusammenfinden. Wir mussten erkennen: Zumindest in der Profilwerkstatt geht das nicht, jedenfalls nicht, wenn wir keinen Druck ausüben wollen. Obwohl es offiziell bei uns keine Schreibtisch-Garantie gibt, sitzt so gut wie jeder, wenn er da ist, an seinem „Stammplatz“. Das habe ich gelernt zu akzeptieren.

Eine kreatives Raumkonzept für kreatives Arbeiten in der Profilwerkstatt

Welche Anforderungen werden durch neue Arbeitswelten an MitarbeiterInnen gestellt?

Man muss Eigenverantwortung übernehmen wollen. Und die Motivation muss von einem selbst kommen. Ohne diese beiden Commitments wird niemand mit New Work glücklich und auch nicht in einem Unternehmen, das New Work praktiziert. Die Vereinbarung muss man mit sich selbst treffen, dafür ist kein Chef zuständig. Die Aufgabe einer Führungskraft ist es, Rahmenbedingungen zu schaffen, das Wollen und Tun ist Sache von jedem Einzelnen.

Führt das manchmal auch zu Konflikten?

Natürlich gibt es Konflikte. Veränderung ist anstrengend. Großraum ist nicht für jeden etwas. Home-Office auch nicht. Der Gedanke, keinen festen Schreibtisch zu haben, ist für sehr viele Menschen offensichtlich wirklich schlimm. Nicht mehr Zeit erfassen zu müssen – auch das haben etwa 30 bis 40 Prozent der Mitarbeiter in der Profilwerkstatt nicht gerade gefeiert. Mir ist sehr bewusst, dass wir mit jeder neuen Idee, mit jedem Ausprobieren unsere Mitarbeiter auch stressen – und das gilt übrigens für jedes Alter. New Work ist, egal wie positiv gemeint, permanente Veränderung. Damit sind Konflikte programmiert. Aber es lohnt sich, das auszuhalten.