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Wir haben gar kein Thema

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Über Hollywood, die Angst vor dem weißen Blatt und den Mythos Schreibblockade.

Vor ein paar Jahren trat beim Hamburger „Trendtag“ der Schwede Kjell Anders Nordström auf die Bühne. Der Wirtschaftswissenschaftler und Autor war als Referent geladen, der Saal voll besetzt. Nordström ist eine auffällige Erscheinung – hochgewachsen, schlank, glatzköpfig, dunkle Hornbrille –, zudem trug er an dem Tag eine knappe schwarze Lederjacke samt hautenger Jeans. Nachdem er die Bühne betreten hatte, ging er ein paar Schritte, füllte die Bühne mit Schweigen, wendete sich zum Publikum und sagte ansatzlos: „Ich habe Trauben in meinem Garten gepflanzt.“ Pause. Ein Satz – und er hatte die Zuhörer im Griff. Das Referat zuvor enthielt zig Powerpoint-Folien. Und nun fiel dieser Kerl vom Himmel und erzählte eine Geschichte.

Wovon sie handelte – vom Klimawandel auf unserem Planeten, vom Klimawandel in der Unternehmensführung –, ist in diesem Zusammenhang unerheblich. Entscheidend ist, dass der Mann, indem er einen komplexen Vorgang in eine anschauliche Geschichte verpackte und diese gekonnt erzählte, in dem Moment fast den Status eines Zauberers hatte. Gute Geschichtenerzähler sind immer Zauberer. Und wer es heutzutage vermag, ein Publikum in seinen Bann zu ziehen, ist gefragter denn je. Denn die Aufmerksamkeitsspannen selbst für Themen aus der großen Politik schrumpfen dynamisch. Wie soll sich da erst ein Unternehmen Gehör verschaffen, dem es nur darum geht, ein Produkt oder eine Dienstleistung zu bewerben oder seine Marke zu schärfen?

Das Zauberwort lautet: „Storytelling“: Das In-den-Bann-Ziehen eines Publikums mit den Mitteln einer Erzählung, ob in Form eines Vortrags, Textes oder Youtube-Videos. In Unternehmen jedoch fristet das Instrument oft ein Schattendasein: „Wovon sollen wir erzählen? Wir haben gar keine Themen.“ Und wenn man sich dann doch dazu durchgerungen hat, etwas würdig zu finden: „Wie fange ich überhaupt an?“ Und dann ist sie da, die Angst vor dem weißen Blatt, vor – der Schreibblockade.

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„Warten ist Bullshit“

Vielleicht sind Schreibblockaden ein Mythos, der lediglich die Tatsache umschreibt, dass man sein Handwerk nicht beherrscht? Gewagte These? „Ich darf dieser Behauptung nachgehen, ich bin jung“, sagt Ruth Weber. „Wenn ich an meine Schreibblockaden denke, habe ich folgende Szene im Kopf: Ich drehe gedanklich meine Runden um Thema und Einstieg in den Text. Ähnlich wie ein Raubtier, das seine Beute einkreist und auf den richtigen Zeitpunkt wartet, um zuzuschlagen. Der richtige Zeitpunkt ist leider nie gerade jetzt, sondern immer irgendwann anders.“ Doch, um in den Worten der Bloggerin Susanne Loh zu sprechen: „Auf kreative Eingebung zu warten ist Bullshit.“

ImageDie Technik des erfolgreichen Geschichtenerzählens lässt sich in jedem Hollywoodfilm studieren. Es braucht Protagonisten. Es braucht ein Ziel, Konflikte, Widerstände. Und hier müssen sich gerade Unternehmen einer anderen Angst stellen – die Angst, keine „Widerstände“ darstellen zu dürfen, sondern jede Neuentwicklung spielend leicht erscheinen zu lassen. Das glaubt in der Regel sowieso niemand – und, wie in jedem guten Hollywoodfilm eben: Der Protagonist setzt sich doch sowieso gegen alle Widerstände durch. Happy End. Tolle Story.

„Doch auch beim Storytelling gibt es so etwas wie Betriebsblindheit. Es ist für ein Unternehmen einfach schwer, zu unterscheiden, welche Geschichten nur für das Unternehmen interessant sind und welche auch den Rest der Welt interessieren“, sagt Michael Matthiass, Kreativdirektor, Jung von Matt-Veteran und Storytelling-Dozent beim ADC. Storytelling ist für den Rest der Welt: Die Kunst, ein Produkt emotional aufzuladen und drum herum eine Geschichte zu erzählen, die Interesse weckt. Und mehr. Durch die Einbettung in eine Erzählung kann ein Thema, und sei es im Kern noch so spröde, für ein Publikum auf einmal hochattraktiv werden. „Die beste Strategie, um solche Geschichten zu finden, ist es, offen und neugierig zu sein. Überall zu suchen, auch in den kleinsten Details, und besonders dort, wo man gar keine Geschichte erwarten würde: In den Firmengebäuden, bei langjährigen oder frischen Kunden, bei den Hobbys der Mitarbeiter, der Entstehungsgeschichte von Produkten, in der Biografie der Gründer und besonders in den vielen kleinen und großen Abenteuern, die jedes Unternehmen Jahr für Jahr besteht“, empfiehlt Michael Matthiass.

Mit dem Anfang steht man auch schon kurz vor dem Ende

Klingt einleuchtend, bleibt trotzdem die Frage nach der Angst vor dem leeren Blatt. Bei der Recherche zu dem Thema Schreibblockade ist Ruth Weber klar geworden: „Bei jedem hilft etwas anderes gegen das Kreativitätstief. Aber eines ist bei allen ähnlich, es geht immer darum, den inneren Schweinehund zu bezwingen. Dieser tritt oft in der Gestalt auf, dass er uns daran hindert anzufangen. Denn wenn ich erst mal den Anfang gefunden habe, ja dann ist es nicht mehr weit bis zum fertigen Text.“ Dabei ist es egal, wie dieser Anfang aussieht, ob Schmierblatt mit Schlagworten, Überschriftenideen, Formulierung des Einstiegs oder was auch immer. „Mit dem eigentlichen Text nicht gleich loszulegen kann übrigens auch ganz gut sein“, hat Ruth Weber festgestellt. „Ideen müssen schließlich reifen. Aber um eines kommt man nicht drum herum: Den Mut zum Anfangen.“

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