Buddy Müller #folge16 #servusgrüeziundhallo

Das Übel kommt ganz leise zu mir.  

Während Qwertz, mein Lieblingsteamlead, sämtliche Kanäle mit Klingeltönen hinterlegt hat, bleibt es bei mir still. 

Die Stille wird nur gelegentlich von einem Aufschrei durchbrochen. 

Meinem Aufschrei. 

Auslöser war wiedermal mein Lieblingskunde, der weltweit führende Hersteller von Horizontalspülbohrmaschinen. „Buddy“, musste ich als erstes Wort in der an mich gerichteten E-Mail lesen, „Buddy, das ist MIST!!!“ 

Kaum zu glauben!!! Denn keine 36 Stunden war das Prosecco beseelte Anstoßen her, auf die geglückte Content-Campaign zur Grundbohrungslegung des Schildburgmassiv-Basistunnels, da musste ich mir diese Anrede gefallen lassen.  

Die jegliche Höflichkeit missen ließ. Von einer konstruktiv vorgebrachten Kritik mal ganz abgesehen. 

Sollte vielleicht der Weinbrause-Übermut gedämpft und die partnerschaftliche Beziehung wieder auf die Kunde-Dienstleister-Realität zurückgestuft werden? 

Der Anlass war eine Lapalie: eine nicht eingehaltene, interne Kommunikationshierarchie. Belanglos, folgenlos und obendrein nicht der Fehler unserer Agentur – aber die Auswirkungen schienen so gewaltig, dass mein Ansprechpartner auf eine Anrede verzichtete. 

Und „MIST“ hinterherschob.  

In GROSSBUCHSTABEN. 

Anschreien lasse ich mich von niemandem. Nicht mal von meiner Frau. 

Zucker und Realsatire 

Qwertz versuchte, mich zu beruhigen: Ich solle doch froh sein, dass der Kunde nicht grüße, denn dieser verwende ohnehin nur das blasse „Hallo“. 

Ich sei tatsächlich kein Freund des nichtförmlichen Grußes, entgegnete ich. Aber nicht, weil „Hallo“ ein Grußbastard sei. Alt- oder Mittelhochdeutsch müssen für dessen Herkunft ebenso geradestehen wie das Hebräische und das Französische. Unklar ist, ob es nur der abgekürzte Zuruf an den Fährmann ist, „Hol über“, der sich daraufhin mächtig in die Seile legt. 

„Dann passt es doch zu uns Agenturmenschen“, sagte Qwertz. 

Nein, „Hallo“ ist für mich untrennbar mit „Hallooo erstmal“ verbunden, dem in quälend langsamer Sprechweise ein – zugegeben meist witziges – Kabarett zu folgen pflegte. 

„Daran erinnern sich nur die Älteren“, sagte Qwertz. „Was wir erleben, ist Realsatire. Passt also auch.“ 

Mir war nicht nach Diskutieren. Es gibt so viele Grußmöglichkeiten, dass nichts das Fehlen einer Anrede – oder den Einsatz des Allerwelt-Hallos – rechtfertigt. Etwa „Sehr geehrter Herr Müller“, formell, mit respektvoller Distanz, aus der heraus sich dem Gegenüber sowohl freundliches Wohlwollen wie unmissverständliches Missfallen ausdrücken ließe. 

Oder, vertrauter, ein „Lieber Herr Müller“, in dem noch Lob und Prosecco von der Feier mitschwangen, einem Stückchen Zucker gleich, mit dem sich die bittere Medizin der aktuellen Kritik hätte schlucken lassen können. 

Zu nah und doch zu fern 

Wir hier, in der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, pflegen eine kaum gekannte Artenvielfalt, ein Biotop an seltenen wie häufigen Grußformeln. 

Natürlich gibt es Standards, Grußwirbeltieren gleich, bilden sie doch das Rückgrat unserer Netiquette. Es gibt das „Hi“, auch das „Hallo“ (siehe oben) und das „Liebe/Lieber“, dem einen zu fern und der anderen zu nah. Der Plural, „Ihr Lieben“, findet ebenso Anklang, zumindest beim Grüßenden, der mit einem Ausweichen ins Englische („Dear all“) entweder der deutschen Grußformel ihre Jovialität nehmen oder seine internationale Parkettsicherheit demonstrieren möchte.  

Natürlich gibt es das trockene „Guten Tag“ und auch das „Guten Morgen“ – beides eindeutige Hinweise darauf, dass der Absender seine Konzentration mindestens so hochhält, dass er weiß, in welcher Tageszeitzone er gerade seine Mails abschickt. 

Meistens. 

Denn es kann schon mal vorkommen, wie unlängst bei unseren Volontären Lang und Länger, dass sie weit über 11.30h hinaus grüßten, mit ihrem „Guten Morgen!“. Was Rückschlüsse auf am Vorabend geleistete Mehrarbeit oder auch auf einen extrem nachtaktiven Lebenswandel zuließ. 

Altväterliches Grüßen wie „Werter Herr Müller“ dagegen wird sofort abgestraft – Qwertz selbst konterte, wer denn der Werter sei und ob er auch so leide? Ihm, dem Kreativen, war dabei gleich, dass er das „h“ gestrichen hatte, um des Gags willen, wie er betonte.  

Dann schließlich das saloppe „Servus“, das nicht ausbleibt, um Nähe zu Land und Leuten zu zeigen, wenn man an den Münchner Standort schreibt. „Ich bin dein Diener“, heißt es übersetzt und wird daher von keinem Münchner als anbiedernd empfunden – vielmehr als angemessen. 

Eindringlich gewarnt sei hingegen vor der Verwendung des süddeutschen, hauptsächlich bayerischen „Grüß dich Gott“ in der Schriftsprache, dessen Verhunzung zu „Griaß di“ von Nichtmünchnern nie, nicht, nimmer richtig geschrieben werden kann. Auch nicht zur Wiesnzeit. Und nie, nicht, nimmer kann es als Zeichen gewertet werden, dass Absender und Adressat, Nichtmünchner und Münchner auf ein- und derselben Grüßhierarchiestufe stehen. Denn der Münchner hält es dann eher mit einem „Servus“ und dem „Tschau“ – nicht zuletzt, um damit seiner barocken, angeblich italienisch beeinflussten Lebensfreude Ausdruck zu verleihen. 

Den tödlichen Fehler, mich auf unbekanntes Grußterrain zu begeben, beging ich im Nachgang zur anredelosen Versalien-Mail meines Lieblingskunden. 

„Moin, moin“, schrieb ich am nächsten Tag meinem – aus dem hohen Norden stammenden – Ansprechpartner beim weltmarktführenden Anbieter von Horizontalspülbohrmaschinen zurück, denn eine Mail am gleichen Tag noch, ohne noch einmal darüber geschlafen zu haben, hätte unser Verhältnis nachhaltig belastet. 

Meinem „Moin, moin“ schob ich noch eine Bildschirmseiten lange Replik hinterher. 

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. 

„Moin, Herr Müller“, kam es zurück, landete ganz still in meinem Posteingang, „ein Mal Moin reicht völlig.“ Alles andere sei Gelaber. Und in unserer Branche hieße es doch: liefern, nicht labern. 

Qwertz sagte: „Passt doch.“ 

Und mein Aufschrei zerriss die Stille. 

Sehr verehrter Leser, wenn Sie an buddy.mueller@profilwerkstatt.de schreiben, dann tun Sie es gerne, aber bitte nicht so laut. Und schenken Sie ihm eine Anrede. Nicht nur für sein Ego. 

Alle bisherigen Folgen von „Buddy Müller“
finden Sie auf www.profilwerkstatt.de.

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